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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
Zweiter Sonntag der Osterzeit/Weißer Sonntag
Den Finger in die Wunde legen
Lesejahr B
Beitrag zum Evangelium

Einführung

Acht Tage sind vorbei. Acht Tage, dass uns diese unglaubliche Botschaft von der Auferstehung Jesu feierlich verkündet wurde. Acht Tage, die uns in unserem christlichen Auferstehungsglauben bestärkt oder eher Zweifel in uns haben aufkommen lassen?

Thomas hatte auch acht Tage mit viel innerem Aufwühlen erlebt. Die Botschaft der Frauen allein hat ihn noch nicht überzeugt. Er will Beweise, will Sicherheit, auch weil so vieles gegen all das spricht, was vom leeren Grab erzählt wurde.

Lassen wir uns ein auf die Botschaft des heutigen Tages und treten wir vor den, der auferstanden, aber unsichtbar in unserer Mitte ist und wirkt.

Kyrie-Ruf

Herr Jesus Christus, wir möchten glauben, doch was spricht für dich, wenn so viele gegen dich sprechen?
Herr, erbarme dich unser.

Wir möchten glauben, doch was spricht für dich, wenn unsere Zweifel übermächtig werden?
Christus, erbarme dich unser.

Wir möchten glauben, doch was spricht für dich, wenn wir so selten für dich sprechen?
Herr, erbarme dich unser.

Tagesgebet


Lebendiger Gott,
du bist uns nahe, noch bevor wir zu dir kommen. Du bist bei uns, noch bevor wir uns aufmachen zu dir.
Sieh auf uns. Sieh unsere Sehnsucht nach Glück, unseren Willen zum Guten und unser Versagen. Erbarme dich unserer Armut und Leere. Fülle sie mit deinem Glück und deiner Liebe. Lass nicht zu, dass wir taub sind für dich, sondern öffne uns für den auferstandenen Christus, deinen Sohn, der kommt, um uns zu suchen und zu retten, heute und an allen Tagen unseres Lebens.

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung
GL 322,7–10 »Halleluja. Den Jüngern war das Herz so schwer«

Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 389,1.5–6 »Dass du mich einstimmen lässt« und GL 174/7 »Halleluja« mit Vers Joh 20,29

Gesang zu Gabenbereitung
GL 329,3–5 »Wir sind getauft«

Gesang zur Kommunion
GL 497,1–4 »Gottheit tief verborgen«

Danklied/Schlusslied
GL 525 »Freu dich, du Himmelskönigin«

Vorüberlegungen


Zum Text: Joh 20,19–31 (Evangelium)

Wir leben in einer Zeit, in der uns immer wieder eingetrichtert wird, dass man ja nicht alles glauben soll, was einem tagtäglich erzählt wird. »Fake News« machen die Runde und es wird immer schwerer nachzuvollziehen, was denn nun wahr und was eben »fake« ist.

Vorsicht walten lassen, lieber zweimal hinschauen, hinhören oder auch überlegen, bevor »man« eine entsprechende Unterschrift tätigt bzw. sich für etwas entscheidet, das ist heute an der Tagesordnung – bis in unsere Kirche und unsere Gemeinden hinein.

Thomas macht deshalb in meinen Augen nichts falsch, er ist einfach nur kritisch. All dem Geschwätz, was damals so die Runde machte, wollte er keinen Glauben schenken. Er wollte keiner Illusion nachjagen oder »Fake News« aufsitzen. Interessant aber ist: Glauben konnte dieser Thomas erst, als Jesus selbst die Initiative ergriff. Aber ab dem Moment war für Thomas alles kein Problem mehr. Für mich heißt das: Wir können nichts erzwingen; auch unseren Glauben nicht. Wir müssen nur die Offenheit behalten, Gott nicht aus dem Blick zu verlieren. Das ist alles, was wir tun können. Gott sucht den Weg in unsere Herzen – aber das kann manchmal dauern. Bei der einen Person eine Woche, bei anderen Monate, Jahre – oder ein Leben lang.

Predigt

Den Finger in die Wunde legen

»Den Finger in die Wunde legen« das ist eine uns vertraute Redewendung, die aufgreift, was das heutige Evangelium uns berichtet. »Den Finger in die Wunde legen« – meint: genauer hinzuschauen, zu prüfen und sich nicht einzig und allein vom Hörensagen überzeugen zu lassen; meint eine Haltung, wie sie uns im Apostel Thomas begegnet. »Den Finger in die Wunde legen«, das kann aber auch heißen: der Unbequeme zu sein, die Nörglerin – jemand, der im Verdacht steht, sich besonders auf das Unfertige, das Fehlerhafte zu stürzen. Und das hat dann nicht selten einen bitteren Beigeschmack: Denn der, der den Finger in die Wunde legt, ist dann für andere oft der- oder diejenige, welche Lust am Zweifel, am Nachbohren und vielleicht auch an den Fehlern anderer hat. Dabei finde ich es nicht nur legitim, sondern gut, wenn es Menschen gibt, die fragen, die nachhaken und die sich eben nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben; nur so kann man auf Fehler im Alltag aufmerksam werden und sie fortan vermeiden. Und was ist nun der Apostel Thomas? Ein Dauerkritiker oder ein Glaubenshelfer?

Die Fragen des Thomas sind auch unsere Fragen


Klar wird durch die Zeilen des heutigen Evangeliums, dass er nachfragt. Und genau das hat ihn bis heute zum Symbol des Zweiflers schlechthin gemacht. Er ist es, der im wörtlichen und im übertragenen Sinn den Finger in die Wunde legt. Auf diese Weise hören wir aber in dieser Ostergeschichte nicht nur seine Überlegungen, sondern in diesen Gedanken schwingen auch die Fragen und Zweifel unseres Lebens mit: Heutzutage gilt doch – mehr noch als damals – nur das als echt und real, was sichtbar, beweisbar und für alle berechenbar ist. Niemand von uns lässt sich gerne Leichtgläubigkeit oder gar eine unkritische Haltung vorwerfen. Gerade deshalb weckt aber auch die Botschaft der Auferstehung vom Tod selbst unter Christen immer auch Fragen und Zweifel; vor allem, wenn wir dabei unsere alltäglichen Karfreitage im Blick haben: Wo bitte schön, ist denn das Neue des Lebens zu spüren, wenn sich die Kümmernisse und Dunkelheiten des Alltags nicht verändern? Und da spüre ich ganz deutlich meine Sympathien für den zweifelnden Thomas. Er bringt unsere Gefühle, unser Fragen und Suchen, unsere Wünsche in seiner Haltung zum Ausdruck. Dabei ist für mich mehr als beruhigend zu spüren, dass Jesus den Thomas nicht zurecht- oder gar abweist, sondern dass er auf den einzig ungläubigen seiner Jünger zugeht und sich von ihm anfragen und sogar anfassen lässt.

Mir macht das Mut, eigene Fragen und Zweifel zuzulassen. Denn die Finger in die Wunde zu legen, das trägt Thomas keine Abfuhr bei Jesus ein, sondern dessen besondere Zuwendung; mit all seinen Zweifeln nimmt Jesus diesen unsicheren Jünger an. Für mich heißt das nichts anderes, als dass auch wir mit den Menschen, die Zweifel am Glauben haben oder die ihre Finger kritisch in die Wunden der Kirche legen, liebevoller umgehen sollten, als wir es mitunter praktizieren. Und es ist für mich auch eine Ermutigung dazu, mich den eigenen Glaubenszweifeln zu stellen, sie zuzulassen und mit mir selbst und meinem Unvermögen in diesem Bereich barmherziger zu sein.

Können Wunden ein Zeichen von Glauben und Hoffnung sein?

Verweilen wir bei den Wunden Jesu: Für Thomas sind sie das Erkennungszeichen Jesu, die ihm die Botschaft der anderen Jünger bestätigen: Der Herr ist auferstanden! Wie ist das aber bei uns? Ich werde oft den Eindruck nicht los, als seien die Wunden, in die wir heute den Finger legen, genau der Anstoß für unsere Zweifel und Schwierigkeiten mit dem Glauben. Ich denke da besonders an die Wunden Terror und Gewalt gegenüber Mensch und Natur, Egoismus und Rücksichtslosigkeit auch unter Christen und in christlichen Gemeinden und Gemeinschaften. Spricht das nicht alles gegen den Osterglauben, gegen das neue Leben?

Der Leib des Auferstandenen – und das muss uns mehr und mehr bewusstwerden – trägt immer noch die Wunden des Kreuzes. Und dieser Leib Christi, das sind auch wir Christen, das sind wir als Kirche! Und ihre Wunden? Sind sie Zeichen des Glaubens und der Hoffnung? Für viele offensichtlich nicht, denn sie leiden an und in dieser Kirche. Sie fühlen sich ausgegrenzt, weil sie – mitunter schuldlos – kirchlichen Gesetzen nicht mehr genügen oder weil sie im Ringen um einen ehrlichen und aufrichtigen Glauben Fragen haben; Fragen zum Beispiel, weshalb die Kirche es immer noch nicht ermöglicht, dass jede Gemeinde oder auch Gemeinschaft Sonntag für Sonntag die Eucharistie feiern kann oder weshalb Laien immer noch bei der Mitgestaltung kirchlichen Lebens hinter den Amtsträgern anstehen müssen und so weiter. All das sind Wunden, die es vielen oft schwer machen, ein frohes und auch mutiges Bekenntnis der Botschaft vom Leben weiterzusagen.

Wundmale der Kirche – Wundmale von uns

Wundmale hat aber auch jede und jeder Einzelne von uns zu beklagen: Da gibt es Krankheiten, die ein Leben und die persönliche Zukunft infrage stellen; viele sehen mit bangen Blicken – sowohl privat als auch beruflich – in die vor ihnen liegende Zeit; andere erschlägt das Alleinsein oder die Dauerfehde mit dem ehelichen Partner; und da ist vielleicht auch die Sorge darum, dass die Kinder so ganz andere Wege gehen – vor allem keine Wege des Glaubens mehr, was man ihnen doch so gerne mitgeben und vermitteln wollte. Alles Schicksale, die oft genug Anstoß für ernste eigene Zweifel und Fragen sind: Trägt da mein Osterglaube noch? Hilft mir da Gottes Wort und die Botschaft der Thomas-Erzählung?

Verletzt und doch lebendig

Zunächst könnte ja die Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen unsere bestehenden Zweifel eher noch bestärken, als sie wirklich zu beseitigen: Denn schließlich bleibt er, der Tod und Kreuz besiegt haben soll, weiter gezeichnet von den Wunden der Gewalt. Aber genau dieses Bild hilft mir weiter. Denn so kann ich glauben, dass dieser Jesus mir nahe ist, auch in meinen dunklen Stunden. Ich nehme ihm ab, dass er da ist, wo Menschen leiden und sterben, wo sie um ihr Leben ringen oder oft auch an diesem Leben verzweifeln. Selbst als Auferstandener ist er eben nicht der »Überflieger«, der »makellose Übermensch«, für den ihn vielleicht der ein oder die andere halten mag. Nein: er hat die Wundmale von Leid und Tod nicht abgeschüttelt; vielmehr hat er diese Zeichen des Widerspruchs gegen alles Leben mit hineingenommen in sein neues Dasein. Der verletzte und doch lebendige Christus sagt mir: Die Spuren des Schmerzes, der Gewalt, des Todes und auch der Sinnlosigkeit können uns niemals trennen von der Liebe, mit der Gott uns liebt. Sie ist mächtig genug, all das Vergängliche und Schmerzliche in ein neues Leben zu verwandeln, und zwar so, dass die vergangenen Wunden meines Lebens im Neuen nicht mehr schmerzen und ich mit Paulus sagen kann: »Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.«

Ich mag dieses Bild des verwundeten und doch auferstandenen Christus, weil ich vor ihm weder das Leid noch den Tod, weder Krankheiten noch Unrecht wegdenken muss. Vielmehr kann ich in seinen Wunden meine eigene Verletzlichkeit und auch Vergänglichkeit anschauen und annehmen. Ich sehe ihm an, dass er mein Leben in sich trägt – deshalb glaube ich an ihn.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, als Auferstandener hast du dich immer wieder deinen Jüngerinnen und Jüngern gezeigt und sie mit deiner Nähe und mit Heiligem Geist gestärkt. Auch wir bitten um deinen Beistand:

– Dass wir uns mit Mut und Fantasie für den Frieden im Großen und im Kleinen einsetzen. Auferstandener Christus: (Wir bitten dich, erhöre uns.)
– Dass alle, die in Hass und Fundamentalismus verstrickt sind, Brücken zueinanderfinden. Auferstandener Christus:
– Dass wir über den Wunden unseres Lebens und der Welt nicht verzweifeln, sondern einstehen für ein menschenwürdiges Leben aller. Auferstandener Christus:
– Dass alle, die enttäuscht und verbittert sind, deine wärmende Liebe spüren. Auferstandener Christus:
– Dass wir aus unseren Fragen und Zweifeln gestärkt hervorgehen. Auferstandener Christus:
– Dass wir unsere Finger immer wieder in offene Wunden legen können, ohne noch mehr zu verletzen. Auferstandener Christus:

Du bist unser Bruder und der auferstandene Herr. Wir danken dir für deine Nähe und deine Liebe. Lass den Glauben, den du uns geschenkt hast, nie erstarren oder selbstgerecht werden und lass uns vertrauen auf das Leben, das du uns schenken willst in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Bertram Bolz

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